Der Luisenhof Dresden

Die Geschichte des Balkons von Dresden

Mit der Verbesserung der Lebensbedingungen entwickelte sich um 1900 auch in Dresden eine allgemeine „Ausgehkultur“. Der Restaurantaufenthalt ergänzte den Theater- oder Varieté-Besuch. Es stand nicht nur das Essen im Mittelpunkt, sondern zunehmend auch das Erlebnis. Man wollte etwas vom normalen Alltag Abweichendes erleben, wollte „gesehen werden“.

Luisenhof Dresden - Blick vom Blauen Wunder

Das 1888 eröffnete Lahmann-Sanatorium zog viele wohlhabende und auch prominente Patienten auf den Weißen Hirsch. Parallel zu den Plänen für den Bau der Standseilbahn als Verbindung zwischen dem Stadtzentrum und dem neu gegründeten Villenviertel liebäugelte auch der Bauunternehmer Ernst Heinrich Friebel damit, auf einem Grundstück am Ende der damaligen Prinzeß-Luisa-Straße (heute Bergbahnstraße) ein Gasthaus zu errichten.
Die Begründung seines Bauantrags lautete: „Das Gasthaus soll ein der Gegend angepasstes Äußeres und Inneres erhalten und soll durchweg den Charakter eines feineren Restaurants mit Fremdenpension wahren.“ Dem bereits damals beliebten Aussichtspunkt wurde im Projekt mit einem Aussichtsturm Rechnung getragen. Mit vielen Auflagen bestätigt, wurde das neue Gasthaus am 25. September 1895 eröffnet – zeitgleich mit der Fertigstellung der Standseilbahn. Analog des Straßennamens wurde das Gasthaus nach der damals sehr beliebten und verehrten Kronprinzessin Luise von Toskana benannt.

Friebel baute zwar den Luisenhof, hatte jedoch als Bauunternehmer keine gastronomischen Ambitionen und verkaufte bereits 1896 für 190 TRM an Johann Friedrich August Reck. Das Haus hatte damals 150 bis 200 Plätze mit einem hohen Anteil von Freiplätzen, allerdings mit einer geringen Küchenkapazität.

Ein erster Um- und Ausbau erfolgte. 1897 trat Friedrich August Georg Reck mit neuen Ideen im Luisenhof an. Das Geschäft lief im Sommer gut, jeder Dresdner musste ja mal mit der neuen Standseilbahn fahren und die Aussicht vom Luisenhof genießen. Durch den Bau einer Mauer entstand ein großer Lindengarten mit einem Musikpodest, später ersetzt durch einen Musikpavillon. Außerhalb des Sommers wurde der Luisenhof aber eher zu einer „Wetterschänke“ und war damit wirtschaftlich schwierig zu führen.

Der erste Weltkrieg brachte einen großen Einschnitt, was sich durch die Nachkriegsjahre weiter verschärfte. 1920 stand der Luisenhof daher zum Verkauf. Zu dieser Zeit suchte Familie Voigt ein Gasthaus mit freier Bewirtschaftung. Die phantastische Lage des Luisenhofs am Elbhang begeisterte Albin Voigt (1858-1928), seines Zeichens Kellner, der in Dresden bereits mehrere Weinrestaurants geführt hatte. Seine Frau Hedwig (geb. Seitz, 1869-1945), eine erfahrene Köchin und die erste Küchenmeisterin Deutschlands, unterstützte ihn dabei. Mit Sohn Hansotto (1905-1996) setzten die Voigts auf Kreativität und Innovation, erhöhten die Platzkapazität, schafften überdachte Außenplätze und erhöhte „Aussichtsplätze“. So wurde zwischen 1920 und 1925 der „Lindengarten“ an der Elbseite verglast. Auch die Küche erfuhr eine Erweiterung und technische Aufrüstung.

Luisenhof Dresden - Blick ins Elbtal

Nach dem Tod von Albin Voigt 1928 führte seine Witwe Hedwig das Haus gemeinsam mit Sohn Hansotto und dessen Ehefrau Charlotte. Anfang der 30er Jahre bekam der Luisenhof sogar eine zweigeschossige Tiefgarage mit hydraulischem Aufzug, ausgelegt für 30-40 Autos, sowie eine Tankstelle mit zwei Zapfsäulen. Der Betrieb lohnte sich aber nicht. Später entstand eine Tanzterrasse über der Garage.

Familie Voigt schuf mit ihrem Qualitätsanspruch sowie ihrem ständigen Engagement für die bauliche und technologische Anpassung die Grundlagen für die Einstufung des Restaurants Luisenhof als „Balkon Dresdens“. Die gute Küche und eine vorzüglicher Gastlichkeit sorgten für einen guten Ruf über die Landesgrenzen hinaus. In den 1920er und 1930er Jahren war der Luisenhof ein mondäner Treffpunkt für die Dresdner und die internationalen Gäste der Stadt. Prominente Persönlichkeiten wurden zu Stammgästen, unter ihnen war beispielsweise der Schriftsteller Erich Kästner.

Der Zweite Weltkrieg hinterließ keine unmittelbaren Zerstörungen. Nach Kriegsende war der Luisenhof zunächst geschlossen, wurde aber bereits am 1. Juni 1945 durch Familie Voigt wieder geöffnet. 1000 einfache Gerichte wurden hier täglich hergestellt.

Nach den Feierlichkeiten anlässlich der 25-jährigen Bewirtschaftung des Luisenhofs durch die Familie zum 1. Oktober 1945 stieg der politische Druck auf Hansotto Voigt, der seit 1937 Mitglied der NSDAP gewesen war. Der Luisenhof wurde unter Zwangsverwaltung gestellt und damit quasi beschlagnahmt. Als Treuhänder fungierte ab November 1945 die “Sächsische Hotel- und Gaststätten GmbH Dresden“, der Vorläufer der späteren HO. Ein Offizier der Roten Armee verhinderte noch, dass Familie Voigt ihre Wohnung im Haus verlassen musste.

Die Bewirtschaftung lief weiter, auch die Berufsausbildung bot jungen Menschen eine neue Chance. Der Journalist Dieter Hofmann schrieb über die Nachkriegszeit: „Wie elegant sich der Stadtteil Loschwitz nach 1945 noch gab, erfüllte mich mit Staunen. Man hungerte und fror, musste zu Kulturveranstaltungen jeweils ein Brikett mitbringen. Aber man war eben elegant oder versuchte zumindest, es doch zu sein. Das Bürgertum in den beengten Villen tat romanhaft intakt.“ Das traf insbesondere auf den Weißen Hirsch und oft auf die Besucher des Luisenhofs zu. Das Haus vermittelte auch in der schweren Zeit eine ruhige und gediegene Atmosphäre. Die Kellner der alten Schule servierten den oft mittellosen Gästen die Tasse Tee genauso höflich und zuvorkommend, wie früher ein großes Menü.

Ab dem 26. November 1948 gehörte der Luisenhof, der zentral von Berlin aus geleitet wurde, zu den ersten „freien Gaststätten“, in denen man ohne Abgabe von Lebensmittelmarken speisen konnte. Besonders an den ersten Tagen war ein großer Gästeandrang zu bewältigen. Allein am 26. und 27. November 1948 wurde im Luisenhof ein Umsatz von 22.600 DM erreicht.

Die politische Überprüfung von Hansotto Voigt ergab später zwar keine belastenden Feststellungen, trotzdem erhielt Voigt die Auflage, den Luisenhof zu verkaufen oder zu verpachten. Ab dem 1. Januar 1949 bestand ein Pachtvertrag mit der neu gegründeten Staatlichen Handelsorganisation (HO) Gaststätten.

Der Luisenhof war in den 1950er Jahren ein bevorzugtes Restaurant für besondere Anlässe, Empfänge und Familienfeiern und galt als „die gute Stube des Stadtteils“.

Ein Brand machte den Luisenhof 1956 zur Todesfalle. Die Tochter des ehemaligen Pächters und bekannte Dresdner Sportlerin Helga Voigt kam dabei ums Leben. Nach dem verheerenden Feuer blieb der Luisenhof bis 1957 geschlossen. Mit der Beseitigung der Brandschäden wurden zugleich Gasträume, Foyer und Konditorei umgestaltet bzw. erweitert.

Doch die zunehmenden wirtschaftlichen Probleme in der DDR, Devisenknappheit und Mangelwirtschaft führten trotz großer Kreativität der Köche zu immer mehr Qualitätseinbußen. Auch die bauliche Substanz und Hygienesicherung wurden in Mitleidenschaft gezogen. Die Preis- und Subventionspolitik in der DDR verschärfte die wirtschaftlichen Probleme und die Ausreise von qualifiziertem Fachpersonal aus der DDR führte auch in diesem Haus zu Problemen.

Mit der politischen Wende gelangte der Luisenhof 1990 zurück an Hansotto Voigt. Es folgte ein neuer Pächter, der das Haus 1996 aber schließen musste. Ab 1997 gehörte der Luisenhof dem bayerischen Bauunternehmer Günther Gsödel, der das Gebäude sanierte und die Gastronomie verkleinerte. Die ehemalige Tanzterrasse verschwand, dafür entstanden in den früheren Tiefgaragen sechs Wohnungen sowie neun weitere im oberen Geschoss der Gaststätte.

Als neuer Pächter eröffnete Dieter Haas den Luisenhof im August 1999 neu, bevor 2002 die Familie Schumann das Restaurant übernahm. Armin Schumann war bis dahin Küchenleiter im Luisenhof gewesen.

Ende 2014 wurde der gastronomische Teil des Luisenhofs für 1,8 Millionen Euro an die Patria-Casa Vermögensverwaltung aus Aachen zwangsversteigert. Bis Juni 2015 führte Armin Schumann den Betrieb weiter, seither stand das Restaurant leer.

Quelle: Manfred Wille